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VDI 4006: Zuverlässiges Handeln gestalten

Die Wirklichkeit ist schemenhaft. Zumindest für Menschen. Foto: Gems 12 Menschen starben, als 2016 in Bad Aibling zwei Züge zusammenstießen. Die Schuld scheint klar: der Fahrdienstleiter hatte am Smartphone gedaddelt. Ist durch Austausch der Person des Fahrdienstleiters die Ursache beseitigt? Vor dem Hintergrund der in die VDI 4006 eingeflossenen, umfänglichen Ereignisanalyse dürfen wir das bezweifeln: Es ist vielmehr ein Fehler im Arbeitsplatzdesign festzustellen: Langeweile und Monotonie bringen Menschen regelmäßig zur Ausführung von Ersatzhandlungen wie Spielen, Einschlafen, inneres Abdriften in Träumerei und vieles mehr. Einen häufigen Versuch zum Abstellen des fehlerhaften Verhaltens stellt die weitere Verdichtung des Regelwerkes dar. Jedes "erwischte" Fehlverhalten wird im Zuge sauberer Prozessgestaltung als "verboten" neu in die Handlungsanweisung eingefügt. Wären Menschen Maschinen, hätte das gute Chancen. Reale Menschen finden Ersatzhandlungen - und sei es die intensive Überlegung danach, welche es denn sein könnte. Schlimmer noch: Regelverdichtung aktiviert das Autonomiemotiv als einem von 8 Basismotiven des Menschen: es erfolgt die "Hinwendung zur verwehrten Alternative". VDI 4006 bedient sich der Erfahrung des Ingenieurs und der Wirtschaftspsychologie, um diese Zusammenhänge deutlich zu machen und echte Abhilfe anzubieten: Langeweile und Monotonie sind abzustellen, denn Sie bedeuten eine Überforderung durch Unterforderung. Hierzu stehen viele Ansätze zur Verfügung, die durchaus geeignet sind, auch die Produktivität insgesamt zu steigern.

Ein wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang ist "Solutionismus" - eine Berufskrankheit vor allem von Ingenieuren (Als Ingenieur darf ich das schreiben). Der Begriff beschreibt die Neigung, technisch erstklassige Lösungen zu entwickeln, ohne Psychologen einzubeziehen. Diese Lösungen machen die Rechnung ohne Menschen, was oft schiefläuft - wie es z.B. E-Learning 1.0 passierte. Riskant ist für Ingenieure insbesondere, dass sie die Berufsgruppe mit dem höchsten Durchschnitts-IQ darstellen und daher Systeme entwickeln, welche die Nutzer überfordern.

Nehmen wir als zweites Beispiel, das ohne Tote auskommt, einen klassischen Prüfplatz der industriellen Produktion. Ein Prüfer soll im Sekundentakt vorbeilaufende Teile auf Mängel prüfen und ggf. aussortieren. Acht Stunden am Tag und das über Jahre. Gesunde Menschen können diesen Arbeitsplatz auch bei bestem Willen nicht zuverlässig ausfüllen. Studien haben gezeigt, dass eine zweite Prüfstelle zu einem noch schlechteren Resultat führt. Dieser Arbeitsplatz ist auf Unzuverlässigkeit ausgelegt, ein Fehler der Arbeitsplatzgestaltung.

Gleichfalls untauglich ausgelegt ist der Arbeitsplatz eines Softwareentwicklers, der unvermittelte Unterbrechungen einschließt; etwa durch E-Mail oder das Hereinplatzen von Vorgesetzten. Von den etwa 6 abzusichernden Nebenästen, die im Kopf des Programmierers parallel zum Stamm permanent entstehen und fluide abgearbeitet werden, haben sich nach einer solchen Unterbrechung die meisten in Luft aufgelöst. Das Arbeitsgedächtnis des Menschen funktioniert so. Da kann niemand etwas dran ändern. Resultat: Fehlerhafte Software.

Die Richtlinie 4006 des Vereins Deutscher Ingenieure, dem ich angehöre, nimmt sich dieses wirtschaftspsychologischen Themas an: der gehirngerechten Gestaltung von Arbeitsplätzen. Sie setzt wissenschaftliche Grundlagen der generellen Psychologie in praxistaugliche Handlungsempfehlungen um. Die aufgeführte Analyse von Ereignissen zeigt auf, dass Fehlerwahrscheinlichkeiten bei rein sachlogisch-aufgabenorientiert gestalteten Arbeitsplätzen um zwei Größenordnungen (Faktor 100) größer werden als bei Einbzug psychologischer Effekte. Ergänzend ist natürlich die DIN 33430 "Eignungsdiagnostik" in Anwendung zu bringen: Sie bezieht zusätzlich die Unterschiedlichkeit von Menschen ein und zeigt Wege zu einer besten Passung von Arbeitsplatz und Personen auf. Dies erleichtert auch die Rekrutierung von Fachkräften.

Um mit dem Nobelpreisträger Robert Shiller, Wirtschaftswoche 21.2.2020, zu sprechen: "[...] ob wir Menschen wirklich maschinengleiche, nutzenmaximierende Wesen sind - oder ob nicht auch romantisierende Gefühle, Verzweiflung, und tierische Instinkte eine wichtige Rolle für unser Verhalten spielen." VDI 4006 setzt immerhin einige Erkenntnisse der modernen Psychologie in diesem Sinne um, wie sie auch von Nobelpreisträger Daniel Kahneman in seinem sich an Laien richtenden Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" beschrieben werden. Wenn wir schon bei Büchern sind: Direkt um die VDI 6006 dreht sich das Werk "Risikofaktor Mensch? Zuverlässiges Handeln gestalten" von O. Sträter. Weitere Hinweise zur Diagnose von Faktoren, die Unzuverlässigkeit und Fehler begünstigen, geht es in "Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung" der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Steuerungsgrößen ergeben sich durch organisationale Strukturen, Normen, Kulturen und Führungsverhalten. Wirkungen können sich um sog. psychologische Verträge oder erlebte Ungerechtigkeit ranken. Wenn Sie glauben "Ich habe noch nie einen psychologischen Vertrag geschlossen", wäre dieser Gedanke ein guter Ausgangspunkt, um sich fachkundig zu machen. Menschen werden es Ihnen mit Zuverlässigkeit danken. Sprechen Sie mich an, wenn Sie daran interessiert sind.

Ihnen einen herzlichen Dank, dass Sie hier waren, Ihr

Bernd Gems

DQR: amtlicher Deutscher QualifikationsRahmen, www.dqr.de, Niveaus von 1 bis 8.